Dempster Highway – Dawson bis Inuvik

Die grandiose Traumstraße über den Artic Circle

20 Jahre Bauzeit für 734 km, davon 716 km ungeteerte Piste, 365 km ohne Ortschaft oder Tankstelle und einzige Straße Kanadas, die über den nördlichen Polarkreis führt!

Das sind die Attribute nur einer Traumstraße – des legendären Dempster Highway! Dempster Corner wird die »Ecke« 40 km östlich von Dawson City genannt, an der der Dempster Highway vom Klondike Highway abzweigt.

Dort befindet sich auch die Klondike River Lodge mit Tankstelle, Rasthaus, Motel und Stellplatz. Spätestens hier sollte man volltanken, denn die nächste Tankmöglichkeit ist im 365 km entfernten Eagle Plains – ein Ort mit acht Einwohnern.

Unser heutiges Etappenziel ist der »Tombstone Mountain Campground« bei Kilometer 71, der inmitten einer phantastischen Bergwelt auf etwas über 1.000 m Höhe im »Tombstone Territorial Park« liegt.

Dabei handelt es sich um einen regierungseigenen Campingplatz (Yukon), bei dem man sich selbst auf der formularähnlichen Außenseite eines Umschlags registrieren muss (Datum, Name, Kennzeichen, Platznummer etc.).

In den Umschlag stecken wir die Übernachtungsgebühr von 12 CAD (ca. 8 EUR), kleben ihn zu und werfen ihn in einen stabilen »Briefkasten«. Ein vorher abgetrennter Abschnitt dient als Quittung, die auch als »Besetzt«-Zeichen am vorher ausgewählten Platz angebracht wird.

Hier machen wir eine kurze Wanderung und genießen am Abend unser kleines Lagerfeuer, dessen Brennholz im Übernachtungspreis eingeschlossen ist.

Den höchsten Punkt des Dempster Highway, den »North Fork Pass Summit« (1289 m), erreichen wir 10 km hinter dem »Tombstone Mountain Campground« und werden mit einer atemberaubenden Fernsicht belohnt.

Der Dempster führt uns Kilometer um Kilometer durch eine farbenprächtige Tundra, vorbei an leuchtenden Bergen, zu idyllisch gelegenen Seen und an malerischen Flussläufen entlang.

Der »Indian Summer« hält schon Einzug, bei dem sich Büsche, Sträucher, Gräser und Bäume in ein farbenprächtiges Konzert aus strahlendem Gelb, leuchtendem Orange, nuancenreichem Rot und rostigem Braun verwandeln.

Dazwischen grüne Bäume, braune, graue oder rosafarbene Berge, blaue Seen und »rostige« Flüsse, die stark nach Schwefel riechen.

Hier hat die Natur ihr Bestes gegeben und ein optisches Meisterwerk der Extraklasse geschaffen.

Ein 360° Panorama-Film, bei dem der Zuschauer durch eine grandiose Kulisse »schwebt«, während sich diese langsam mit den Jahreszeiten wandelt.

Das Beeindruckende ist die Nachhaltigkeit, mit der diese mannigfaltigen Eindrücke auf den Betrachter einströmen, über hunderte von Kilometern hinweg, fast an der Grenze zur visuellen Reizüberflutung.

Mitten im »Flow« … ein Stau! Ein Stau!? Ja – ein Stau auf dem wenig befahrenen Dempster Highway. Vor uns stehen sechs, auf der anderen Seite drei Fahrzeuge!

Dazwischen ein Bagger, ein LKW und Kiesberge, die die Straße blockieren. Wir sehen niemanden arbeiten.

Im ersten Moment schießt uns der Artikel durch den Kopf, in dem die LKW-Fahrer mit einer Blockade des Dempster Highway drohen, um den dringend erforderlichen Straßenreparaturen öffentlichkeitswirksamen Nachdruck zu verleihen.

Wir befragen Wartende was los ist. Es soll noch eine halbe Stunde dauern, bekommen wir zur Antwort. Wo sind die Arbeiter? Die sind im Loch! Loch!?

Wir gehen vor bis zum Bagger und sehen einen etwa 1 m breiten Graben über die ganze Straßenbreite. Darin beschäftigen sich drei Arbeiter mit einem Entwässerungsrohr, das neu zu sein scheint. Eine halbe Stunde!?

Wer’s glaubt … Wo es nur eine Straße gibt, ist’s mit der Umleitung schwierig.

Wir stellen uns auf eine längere Pause ein, machen uns einen Kaffee und unterhalten uns mit Schicksalsgenossen in der überschaubaren Autoschlange. Es gibt wirklich schlechtere Plätze, um zu warten.

Nach ca. 1,5 Std. ist der Graben notdürftig zugeschüttet, verdichtet und wir können weiter. Beim Durchfahren der Baustelle ist zu spüren, dass auch wir noch etwas zur Verdichtung des Untergrunds beitragen.

Wir übernachten am Eagle Plains Hotel und erleben einen endlosen Sonnenuntergang. Eagle Plains befindet sich kurz vor dem Arctic Circle (Polarkreis), so dass der Himmel selbst um 1 Uhr nachts noch nicht ganz dunkel ist.

Im Hotel gibt es ein Restaurant und eine Bar. Im »Campingbereich« befinden sich auch Plätze mit Stromanschluss und einen Wasserhahn findet man am Gebäude. Die Dump-Station (abgedecktes Loch im Boden, kein Spülwasser) ist hinter dem Gebäude.

Obwohl wir hier mitten im Nirgendwo auf dem Dempster Highway sind, gibt es in der Lobby sogar kostenloses Internet (Wifi), das per Richtfunk kommt.

Bei Kilometer 405 überschreiten wir den Arctic Circle, dessen Beginn am Rastplatz mit einer Tafel dokumentiert ist.

Manche Reisende, die nicht bis Inuvik fahren, drehen hier nach dem Erinnerungsfoto um. Das ist ein Fehler! Wem diese Landschaft gefällt, der sollte mindestens bis zur Grenze Yukon/NWT fahren.

Auf dem folgenden Streckenabschnitt sehen wir nordwärts fahrend zwei und bei der Rückfahrt drei Grizzlys in der farbenprächtigen Tundra.

Ab der Grenze Yukon/NWT beginnt die Kilometerzählung wieder bei null. Wir zählen aber einfach weiter.

Bei Kilometer 539 kommen wir zum »Peel River Crossing« mit kostenloser Fähre über den »Peel River«.

Die Einweiserin möchte gerne unsere Drucklufthörner hören. Und so wird die kleine Fähre mitten auf dem Peel River zum akustischen Hochseedampfer. Also gut, ein zweites Mal ist auch noch drin … sie freut sich und wir freuen uns, dass sie sich freut.

Elf Kilometer nach der Fähre sind wir in Fort McPherson (ca. 900 Einwohner) und tanken an der einzigen Tankstelle sicherheitshalber gleich noch einmal voll, obwohl unsere Tankfüllung für die ca. 1500 km mehr als reichen sollte.

Bei Kilometer 608 gelangen wir zur »Mackenzie River Crossing«, eine ebenfalls kostenlose Fähre über den breiten Mackenzie River. Ein paar Meter neben dem Highway mündet flussaufwärts der »Artic Red River« in den Mackenzie.

Auf der dem Highway gegenüberliegenden Seite des »Artic Red River« liegt der Ort »Tsiigehtchic«. So fährt die Fähre am Mackenzie drei Punkte an: Einmal den Highway auf beiden Seiten und als dritten Punkt die Straße nach »Tsiigehtchic«, flussaufwärts nach der Einmündung des »Artic Red River«.

Im Winter werden die zugefrorenen Flüsse als Fahrbahn genutzt. Während der Gefrierphase bzw. der Auftauphase ist der Highway an diesen Stellen nicht passierbar. Die Versorgung von Inuvik erfolgt in dieser Zeit per Luft.

Die Fähre am Mackenzie wird im Zweischichtbetrieb mit jeweils vier Mann Besatzung betrieben. Die beiden Kapitäne wohnen nur während des Fährbetriebs am Fähranleger auf der Seite nach Inuvik. Der eine Kapitän, den wir nicht kennenlernen, ist Deutscher. Die Fähre wird bei Saisonende mit Bulldozern an Land gezogen und »parkt« zum Winterschlaf neben den Quartieren der Kapitäne. Der Mackenzie hat an der Fähre eine Tiefe von ca. 10 m, wobei sich an der Einmündung des Artic Red River ein ca. 30 m tiefes Becken gebildet hat.

Auf den letzten 100 km vor Inuvik wird die Landschaft relativ grün mit niedrigem Baumbestand und einzelnen Seen. Hier finden sich endlose gerade Streckenabschnitte, so dass wir auch etwas schneller fahren.

Ab dem Flughafen von Inuvik kommen wir auf Teer, der bis Inuvik anhält, wo wir nach 734 Kilometern das Ende des Dempster Highway erreichen.

Inuvik liegt am Mackenzie Delta, knapp 100 km südlich der Beaufortsee und hat aktuell 3.485 Einwohner.

Hier finden wir einen Supermarkt mit Vollsortiment, in dem zu unserer großen Überraschung auch mehrere Produkte aus Deutschland angeboten werden (z.B. Gerolsteiner).

Nach einer Übernachtung in Inuvik fahren wir bis Eagle Plains und in der nächsten Etappe bis Dawson City.

Der Rückweg überrascht uns dann aber doch. Es ist eine andere Strasse! In den 2-3 Tagen ist der Indian Summer weiter fortgeschritten, die Farben haben sich verstärkt, die umgekehrte Fahrtrichtung bringt andere Aus- und Einblicke.

Teilweise erleben wir Nebel und Regen, was den Dempster völlig anders erscheinen lässt.

Anderenorts der blaue Himmel und das warme Licht der Abendsonne, welches die schon kräftigen Farben der Landschaft noch intensiver zum Leuchten bringt.

Ein Fahrt auf dem Dempster Highway sind nicht 2 x 734 km (Hin- und Rückweg), sondern einmal einmalige 1.468 km absolute Traumstraße!

Deshalb bekommt der Dempster Highway hier auch einen eigenen Bericht!

Wir verbringen nun einige Tage in Dawson City und fahren dann auf dem »Top of the World Highway« nach Alaska.

Bilder Dempster Highway

„Die Erde ist eine Gondel, die an der Sonne hängt und
auf der wir aus einer Jahreszeit in die andere fahren.“
(Johann Peter Hebel, 1760-1826)