Von der Küste ins koloniale Hochland

Topolobampo, Mazatlán, Guadalajara, Zacatecas

Am Morgen des 16. September 1810 ruft der Gelehrte und Landpfarrer Miguel Hidalgo y Costilla seine Gemeinde in der Dorfkirche von Dolores zusammen und zum Aufstand gegen die spanische Kolonialherrschaft auf.

Als Grito de Dolores (Schrei von Dolores) dringt die Botschaft durch das ganze Land und löst den langen, blutigen Unabhängigkeitskrieg gegen die Spanier aus, der erst mit der mexikanischen Unabhängigkeit am 24.08.1821 beendet sein wird.

Der Schrei von Dolores hat sich tief in die mexikanische Volksseele gebrannt. In der Nacht zum Nationalfeiertag (16. September) erschallt er als Ritual noch heute im ganzen Land.

Auf unserer weiteren Reise werden wir im mexikanischen Hochland noch häufiger auf die Spuren von Miguel Hidalgo und seiner Mitstreiter Ignacio de Allende, Juan Aldama etc. treffen.

Am Morgen des 16. Februar 2009, also knapp 200 Jahre später, sind wir auf dem Weg nach Pichilingue zur Baja Ferry.

In etwa 6 Stunden soll uns die California Star auf das mexikanische Festland bringen.

Traumhaftes Wetter und spiegelglattes, türkisfarbenes Wasser nehmen uns jeglichen Gedanken an einen hohen Seegang, von dem andere Reisende zu berichten hatten.

Auch das Be- und Entladen der Fähre erfolgt, entgegen anderer Berichte, überraschend organisiert. Vom Fähranleger in Topolobampo (Los Mochis) fahren wir die Küste des Festlands entlang in Richtung Süden.

Es ist Karnevalszeit und wir möchten den berühmten Umzug in Mazatlán nicht versäumen, der nach Rio de Janeiro und New Orleans der drittgrößte Karnevalsumzug der Welt ist.

Die wichtige Hafenstadt liegt einige Kilometer südlich vom Wendekreis des Krebses und damit in den Tropen, direkt gegenüber der Südspitze der Baja California.

Unser »Basislager« für Karnevalsumzug und Stadtbesichtigung ist der California Trailer Park. Zum Malecón (Uferpromenade) sind es 2-3 Gehminuten und der Karnevalsumzug führt vom Malecón direkt am Trailer Park vorbei.

Schon Stunden vor dem Umzug sehen wir mexikanische Familien und kundige Touristen mit mitgebrachten oder frisch gekauften Stühlen ihren Platz am mehrere Kilometer langen Malecón reservieren.

Von großen Haufen verteilen Händler für schnelles Geld die begehrten Holzklappstühle, Musikgruppen fangen an zu spielen, Menschen tanzen vor den Bühnen und die ersten Stände verkaufen Essen oder eisgekühltes Bier.

Wir befinden uns inmitten einer gigantischen Party, deren Höhepunkt in 4-5 Stunden der Karnevalsumzug am Abend sein wird.

Blinkende Polizeifahrzeuge führen das Spektakel an und die lokale Schickeria folgt in teuren Sportwagen.

Dahinter reihen sich die bunt geschmückten und beleuchteten Karnevalswagen von verschiedenen Städten, Bundesstaaten und Firmen.

Auch nach dem Umzug geht die Party weiter und die Stadt kommt in der Nacht kaum zur Ruhe.

Nach den Karnevalstagen schauen wir uns die Sehenwürdigkeiten der Stadt an, und besuchen zuerst das Acuario Mazatlán, eines der größten Aquarien in Mexiko.

Pulmonia nennt man die etwa 400 offenen Taxis, von denen uns eines zum El Faro bringt und deren bekanntes Motorengeräusch die Plattform eines umgebauten VW-Käfers verrät, der hier Vocho (sprich: Botscho) heißt.

157 m liegt El Faro über dem Meeresspiegel und ist damit nach Gibraltar der zweithöchst gelegene Leuchtturm der Welt. Der grandiose Ausblick auf Mazatlán und dessen lange Sandstrände entschädigt für den beschwerlichen Aufstieg.

Ein luftiges Pulmonia bringt uns zum beschaulichen Plazuela Machado in der Altstadt, zu Fuß gehen wir weiter zum Zócalo (zentraler Platz der Stadt), besichtigen die Kirche und schlendern durch den Mercado (Markthalle), der uns an die Suqs in Marokko erinnert.

An unserem letzten Abend lernen wir noch die sympathische Verena kennen, die ursprünglich aus Deutschland stammt und in dem von uns so geschätzten Victoria lebt.

Früh morgens geht es los, denn wir wollen die rund 500 km und 1.600 Höhenmeter bis Guadalajara an einem Fahrtag bewältigen. Auf der verkehrsarmen Cuota (Autobahn) kommen wir bei gemütlicher Fahrt gut voran. Lange Steigungen und Außentemperaturen von teilweise über 35° C, zwingen so manchen PKW zur Erholungspause mit geöffneter Motorhaube.

Guadalajara (gegr. 1542) ist die Hauptstadt des Bundesstaates Jalisco und zweitgrößte Stadt Mexikos. Lt. Wikipedia hat sie etwa 1.6 Mio. Einwohner, die Metropolregion knapp 4.1 Mio.

Am 22. April 1992 ereignete sich in Guadalajara ein mysteriöses Unglück, bei dem ganze Straßenzüge aufgerissen, mehr als 200 Menschen getötet und 15.000 Einwohner obdachlos wurden.

Der Trailer Park San Jose del Tajo befindet sich auf einem ehemaligen Landgut. Hier wollen wir ein paar Tage bleiben, einige Dinge erledigen und das historische Stadtzentrum besichtigen.

Bei einem Spaziergang lernen wir einen älteren Mexikaner kennen, der sich mit uns in relativ gutem Deutsch unterhält. Er hat Mitte der Siebziger für 1.5 Jahre in Deutschland gearbeitet und seither die deutsche Sprache kaum noch praktiziert. Rund 35 Jahre sind inzwischen vergangen! Wir sind absolut beeindruckt!

Ein Freund der Besitzerfamilie der Hazienda kommt vorbei und erzählt von seinen BMW & Mercedes aus den 70ern, die er gerade wieder aufbaut. Wir erfahren mehr über die Hazienda, die Besitzerfamilie und über Guadalajara, seine Heimatstadt.

Von der nahegelegen Bushaltestelle bringt uns eine etwas ruppige Busfahrt in 45 Minuten ins historische Zentrum der Innenstadt.

Die wichtigsten Sehenswürdigkeiten liegen nah beieinander und können zu Fuß erkundet werden.

Das Wahrzeichen der Stadt ist die eindrucksvolle Kathedrale, die von vier großen rechteckigen Plätzen umgeben ist und deren Turmspitzen aus gelben Kacheln bestehen. Der reichlich verzierte und mächtige Innenraum ist ebenfalls sehr beeindruckend.

Auf dem langen Plaza de la Liberación, einem der vier Plätze, sehen wir die Statue von Hidalgo, wie sie mit zerrissener Kette in Händen das Ende der Sklaverei in Mexiko symbolisiert.

In der Kirche San Augustin verweilen wir bei einer Trauung, schlendern durch die Fußgängerzone Plaza Tapatía, beobachten die Menschen und gehen in einige der Ladengeschäfte.

Ein Abstecher führt uns zum größten Marktgebäude in Mexiko, dem Mercado Libertad. Hier werden alle erdenklichen Produkte (Elektronik, Kleidung, Lederwaren etc.) angeboten und sein Hungergefühl kann man an einem der vielen Stände mit mexikanischer Volksküche beruhigen.

Guadalajara entpuppt sich als geschäftige und moderne Großstadt, die auch inmitten von Europa stehen könnte. Wir haben hier kaum den Eindruck, in Mexiko zu sein.

Über die Periferico (Umgehungsstraße) fahren wir in den Norden der Stadt und von dort auf die Überlandstraße #54, die uns in das 300 km entfernte und 2.500 m hoch gelegene Zacatecas bringt.

Die Strecke ist landschaftlich interessant, aber nicht nachhaltig beeindruckend.

Das Hotel del Bosque, an dem wir übernachten, ist gut ausgeschildert und leicht zu finden. Wir sind gerade noch beim Einparken, als wir in dem uns vertrauten, süddeutschen Dialekt gefragt werden, was denn Heilbronner hier machen.

Es ist der sympathische Uwe aus dem Raum Stuttgart, der mit seiner Familie hier in Mexiko lebt und dessen Firma in der neuen Festhalle des Hotels die Eingangsüberdachung und die repräsentative Innentreppe aus Edelstahl fertigt.

So sehen wir uns jeden Tag, haben viel zu erzählen und Uwe beantwortet gerne unsere tausend Fragen zu Mexiko.

Durch Uwe lernen wir den Eigentümer der Hotelkette Hoteles del Bosque und dessen Schwester kennen, die sich für unser Fahrzeug interessiert und eine kurze Führung bekommt.

Die 1546 gegründete Silberminenstadt Zacatecas gilt als eine der schönsten Städte Mexikos und als Kleinod spanischer Kolonialarchitektur.

Sie ist die Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaats, seit 1993 Weltkulturerbe und liegt glücklicherweise etwas abseits der bekannten Touristenrouten.

Aus einem engen Talkessel dehnt sich die Stadt auch entlang der Berghänge aus, die die kostbaren Edelmetalle in sich bergen.

Von der Talstation der Teleférico am Cerro del Grillo (Hügel der Grillen), die direkt neben dem Hotel del Bosque liegt, steigen wir einige Stufen abwärts und folgen den steilen gepflasterten Gassen bergab zur Innenstadt, in deren Zentrum sich die herrliche Kathedrale befindet.

Eine überwältigende Üppigkeit von Ornamenten und Figuren zieren die Fassade des im mexikanischen Churriguerismus gehaltenen Kirchengebäudes, das im Jahre 1862 in den Status einer Kathedrale erhoben wurde.

Verglichen mit der Pracht der Fassade ist der Innenraum fast enttäuschend schlicht, da der Kirchenschatz während des Reformkrieges abhanden kam.

Nördlich der Kathedrale schließt sich der kahle Plaza de Armas an, dessen Ostseite durch den Regierungspalast Palacio de Gobierno begrenzt wird.

Unsere Erkundungstour bringt uns auf der Calle Hidalgo nach Norden und unter den Stahlseilen der Teleférico hindurch zum Museo Rafael Coronel, welches sich in einem ehemaligen Franziskanerkloster aus dem 16. Jh. befindet.

Hier sind 2.700 Masken aus der Sammlung des Künstlers Rafael Coronel untergebracht, der insgesamt 11.000 Masken besessen haben soll. Zu den Exponaten gehören auch prähispanische Keramiken aus Mexiko und einige historische Musikinstrumente.

Unser Rückweg führt uns an der Bäckerei beim hübschen Brunnen vorbei. Schnell lernt die nette Verkäuferin, dass die unbekannten Bleichgesichter, die jetzt öfters kommen, Brötchen und Süßspeisen gerne getrennt verpackt hätten.

Nach einem Abstecher zum Mercado González Ortega geht es an der Kirche Santo Domingo vorbei, bergauf durch die Calle Aquiles Serdán, am Schulgebäude rechts und dann die steilen, gepflasterten Gassen hoch zu unserem Fahrzeug.

Deutscher Wagenheber rettet mexikanische Großbaustelle! Am nächsten Morgen leiht sich Uwe unseren Wagenheber.

Ein Teil der Edelstahltreppe muss angehoben werden, damit die zwei Treppenteile zum Anbringen einer Schweißnaht näher zueinander finden.

Das klappt bestens und nachmittags, als wir aus der Stadt zurückkommen, ist schon alles erledigt.

Das Museo Francisco Goitia ist in einem ehemaligen Gouverneurspalast untergebracht und stellt Werke von Künstlern aus Zacatecas aus.

Darunter die der Brüder Coronel und natürlich die des Namensgebers Francisco Goitia.

Durch den angrenzenden Parque Enrique Estrada, dessen Brunnen von Musik gesteuert wird, gelangen wir zum imposanten Acueducto del Cubo, der die Stadt bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts mit Trinkwasser versorgt hat.

Gleich daneben befindet sich das luxuriöse 5-Sterne-Hotel Quinta Real, dessen organische Integration in die Tribüne der alten Stierkampfarena San Pedro als architektonische Meisterleistung bezeichnet werden kann.

Hinter dem Hospital befindet sich der Haupteingang der Mina El Edén, einer der ergiebigsten Minen von Zacatecas, die in ihrer Blütezeit im 17. und 18. Jh. ein »Global Player« am Weltmarkt war.

Von etwa 1586 bis 1960 wurden hier riesige Mengen der wertvollen Edelmetalle Silber und Gold gefördert, daneben auch Zink, Kupfer, Eisen und Blei.

Mit der Grubenbahn holpern wir in wenigen Minuten durch den niedrigen Stollen La Esperanza (die Hoffung) ca. 600 m in den Berg.

Wir setzen unsere gelben, grubenlampenlosen Grubenhelme auf und besuchen zur Einstimmung das Bergmuseum, welches eine einzigartige Sammlung von Steinen und Mineralien aus vielen Teilen der Welt präsentiert.

Gleich nach dem Museum passieren wir die berühmte Minen-Diskothek El Malacate, in der von Donnerstag bis Sonntag der Berg rockt.

Bei der weiteren Führung blicken wir auf unterirdische Seen, wir sehen die Arbeitsgeräte der Bergleute, lauschen alten Legenden und werden auch über die einst schlechten Arbeitsbedingungen der meist indigenen Minenarbeiter aufgeklärt.

Mangels Aufzeichnungen ist nicht bekannt, wie viele Menschen hier gestorben sind. Ein Menschenleben war nichts wert, denn draußen warteten tausend andere auf Arbeit.

Ein Aufzug bringt uns zum Stollen El Grillo, über den wir die Mine am Nebenausgang beim Hotel Del Bosque verlassen.

Das sehenswerte Museo Zacatecana beschäftigt sich mit der Kunst des Ureinwohnerstammes der Huicholes, die sehr zurückgezogen in der Sierra Madre Occidental im mexikanischen Hochland als Bergbauern leben.

Bunte Garnbilder, traditionelle Kleidungsstücke, mit Perlen ausgelegte Votivschalen und Fotografien erlauben dem Besucher einen kleinen Einblick in das Leben der Huicholes.

Mit der Teleférico, der 30 Jahre alten Schweizer Seilbahn, schweben wir zusammen mit Uwe über den Dächern von Zacatecas der Bergstation des Cerro de la Bufa entgegen.

Auf der 650 m langen Strecke ergeben sich sensationelle Ausblicke auf Zacatecas, die bekannten Sehenswürdigkeiten und die nähere Umgebung.

Von der Bahnstation gehen wir noch etwas bergauf zur schönen Kapelle Capilla de la Virgen de Patrocinio, von wo wir ebenfalls eine grandiose Aussicht auf Zacatecas haben.

Im Juni 1914 fand am Cerro de la Bufa eine wichtige Schlacht der mexikanischen Revolution statt, bei der der Revolutionär Francisco »Pancho« Villa über die Regierungstruppen siegreich war.

Im Museo de la Toma de Zacatecas (neben der Kapelle) werden Fotos, Dokumente, Zeitungsausschnitte und Militärgegenstände (Kanonen, Gewehre etc.) aus jener Zeit ausgestellt.

Auf dem befestigten Fußweg sind wir relativ schnell vom Berg in der Stadt, gehen noch bei unserem Stammbäcker vorbei und stärken uns mit den mitgebrachten Leckereien.

Später machen wir uns noch einmal auf den Weg in die Stadt, um Zacatecas auch bei Nacht zu erleben.

Uwe und seine beiden Mitarbeiter geben uns am nächsten Tag eine Einführung in die musikalischen Volkshelden Mexikos.

Den Zettel mit der Namensliste hüten wir wie einen Schatz und gehen damit erst einmal CDs kaufen.

Abends lädt die Musikakademie der Universität Zacatecas zu einer kostenlosen Veranstaltung ins Teatro Calderón, was wir uns nicht entgehen lassen wollen. Präsentiert wird Musik und Tanz. Genauer: Flamenco. Eine kurzweilige und interessante Vorstellung.

Über Aguascalientes wollen wir am nächsten Tag weiter nach Guanajuato.

Da auch Uwe von der Baustelle aus nach Aguascalientes fährt, hängen wir uns einfach dran, damit wir leichter um die für LKWs gesperrte Stadt finden.

So lernen wir auch seine Familie kennen, die ihn nach Aguascalientes begleitet.

Es kommt wie es kommen muss und die für LKW erlaubte Umgehungsstraße ist wegen einer Radsportveranstaltung komplett gesperrt.

Polizei regelt den Verkehr und die Umleitung führt geradewegs in die Stadt.

Während der vorausfahrende Uwe den Verkehrspolizisten passiert, erwirkt er durchs offene Fenster eine (fern)mündliche Erlaubnis des Kreuzungschefs, dass wir trotz LKW-Verbot mitten durch die verbotene Stadt fahren dürfen. So geht das in Mexiko.

Danke Uwe! Viva México!

Bilder

„Armes Mexiko: So weit entfernt von Gott
und so dicht bei der USA.“
(Porfirio Diaz, 1830-1915)