Im Herzen der Unabhängigkeit Mexikos

Guanajuato, San Miguel de Allende

Ignacio Allende, ein aus gutem Hause stammender Capitán der spanischen Armee, gehörte zusammen mit den anderen Unabhängigkeitsführern Miguel Hidalgo und Juan Aldama zur Verschwörergruppe von Querétaro.

Er wurde am 21.1.1769 in San Miguel el Grande geboren und am 26.06.1811 – am gleichen Tag wie Aldama und Jiménez – in Chihuahua von den Spaniern standrechtlich erschossen. Hidalgo wurde vier Tage später exekutiert.

Zur Abschreckung hat man die Köpfe von Hidalgo, Allende, Aldama und Jiménez für zehn Jahre (1811 bis 1821) an den vier Ecken der Außenfassade der Alhóndiga de Granaditas in Guanajuato zur Schau gestellt.

Die alte Silberstadt Guanajuato (120.000 Ew., 2.000 m ü.d.M.) entstand in einem engen Flusstal, welches die räumliche Ausdehnung der farbenfrohen Stadt nur entlang der steilen Berghänge gestattet.

Die verwinkelten Gassen der Innenstadt werden platzsparend durch unterirdische Straßen entlastet, die den Verkehr im ausgetrockneten Flussbett oder in alten Bergwerksstollen leiten.

An den Hängen der edelmetallhaltigen Berge führt die kurvenreiche Carretera Panorámica in bester Aussichtlage um die Innenstadt, der wir 17 km bis zum stadtnahen Trailer Park folgen.

Einige Stromleitungen sind zum Greifen nah, so dass wir mehrfach auf die Gegenfahrbahn ausweichen.

Unsere Radioantenne kann es trotzdem nicht lassen und vermittelt der einen oder anderen Stromleitung, dass es neben elektrischer Energie auch Bewegungsenergie gibt.

Zu guter Letzt versperrt uns, 80 m vor unserem Ziel, ein grüner Gartenschlauch, der vor der Windschutzscheibe quer über die kopfsteingepflasterte Fahrbahn hängt, die abschüssige Einbahnstraße.

Mehrere entgegenkomme PKW stauen sich geduldig am Trailer Park, bis der Gartenschlauch endlich hochgezogen wird und wir freundlich winkend in der engen Einfahrt unseres Übernachtungsplatzes verschwinden.

Keiner hupt, keiner regt sich auf! Das schätzen wir so an Mexiko!

Auf der Kopfsteinpflasterstraße geht es zu Fuß bergab in die lebendige Innenstadt.

Dort erkunden wir die bahnhofsähnlichen Hallen des Mercado Hidalgo, in denen allerlei Waren, wie Obst, Gemüse, Gewürze, Kleidung, Schmuck usw., angeboten werden.

Wir folgen der Av. Juárez am Plazuela de los Angeles vorbei zum berühmten Callejón del Beso (Kussgässchen).

Das Kussgässchen ist knapp 70 cm breit und ermöglicht Liebespaaren das nachbarschaftliche Küssen von Haus zu Haus.

Die gelb/rot gestrichene Basilica de Nuestra Señora de Guanajuato wirkt, verglichen mit der prunkvoll verzierten Kathedrale in Zacatecas, relativ schlicht.

Sie passt jedoch ganz gut zu den bunten Häusern dieser farbenfrohen Stadt.

Der edle, barocke Innenraum, in dem die Statue der Señora de Guanajuato präsentiert wird, entfaltet dafür eine unerwartet imposante Wirkung.

In wenigen Minuten schlendern wir von der Basilica zum Jardin de la Unión, der in der Fußgängerzone gegenüber des Teatro Juarez liegt.

Während wir das schöne Teatro fotografieren, entdeckt ein Clown, den man treffender als Situationskomiker beschreiben könnte, neue Opfer. Uns!

Wie ein Model post er ungefragt vor unserer Kamera und unterhält damit sein Publikum, das die breite Treppe zum Teatro als Tribüne nutzt.

Wir nehmen unsere Opferrolle an und unterstützen ihn beim spontanen Fotoshooting.

Mit dem Applaus des Publikums geleitet uns der Pantomime danach geschickt auf die Tribüne.

Weitere Passanten werden in die »sprachlose«, aber gestenreiche Show einbezogen und die Tribüne füllt sich stetig mit unschuldigen Opfern und freiwilligen Zuschauern.

Die Funicular (Standseilbahn) bringt uns zur Aussichtsplattform des Monumento al Pipila, dem Denkmal eines mexikanischen Volkshelden.

Als Hidalgo mit seinen Gefolgsleuten Guanajuato einnehmen wollte, verschanzten sich die spanischen Soldaten in der festungsartigen Alhóndiga.

Einzunehmen war die Alhóndiga nur, indem die massive Holztür in Brand gesteckt wurde.

Für dieses Himmelfahrtskommando meldete sich der einfache Minenarbeiter Juan José de los Reyes Martínez (1782-1863), genannt Pipila.

Um sich vor den tödlichen Kugeln der spanischen Musketen zu schützen, band er sich einen großen flachen Stein auf den Rücken.

Mit Teer, Fackel und Stein kroch er unter feindlichem Beschuss zur hölzernen Eingangstür, bestrich diese mit Teer und setzte so die schwere Holztür in Brand. Der Rest ist mexikanische Geschichte!

Die Alhóndiga de Granaditas ist ein gewaltiges Gebäude, das in seiner 200jährigen Geschichte schon Getreidespeicher, spanische Festung, Gefängnis und Museum war.

Wir besuchen das in der Alhóndiga untergebrachte historische Museo de la Alhóndiga de Granaditas, welches Gedenkstätte für die Unabhängigkeitskämpfer ist, prähispanische Funde ausstellt und Dokumente zur Stadtgeschichte zeigt.

An den Wänden der großzügigen Treppenaufgänge sind imposante Murals zu sehen.

Die koloniale Geschichte und die historische Bedeutung sind im wunderschönen Guanajuato überall zu spüren.

Inzwischen ist der kleine Trailer Park mit 6-7 Fahrzeugen fast überfüllt und wir lernen wieder nette Reisende mit außergewöhnlichen Lebensentwürfen kennen.

Pascal und seine Familie leben schon ein paar Jahre in Costa Rica und betreiben dort eine Firma.

Vorerst wollen Sie jedoch wieder in ihre Heimat nach Kanada zurück und sind deshalb im Westfalia-VW-Bus, der in Kanada recht beliebt ist, auf dem Heimweg.

Die andere junge, vierköpfige Familie ist auf dem Weg zum eigenen Grundstück auf der Baja, anschließend geht es nach Deutschland (sie stammt aus D) und dann wird durch Europa gereist. So lässt es sich leben!

Wir wollen weiter nach San Miguel de Allende.

Ein Abstecher führt uns vorher auf holprigem Kopfsteinpflaster zum geografischen Zentrum Mexikos – auf den 2.700 m hohen Berg Cerro El Cubilete.

Hier befindet sich die zweithöchste Christus-Statue der Welt – das Monumento a Cristo Rey mit 16 m Höhe.

Beim Durchfahren der Stichstraße beäugen uns die Bewohner der Dörfer etwas skeptisch. Unser freundliches Winken zaubert ein Lächeln auf ihre Gesichter und lässt sie fast überschwänglich zurückwinken.

Für die etwa 100 km von Guanajuato nach San Miguel de Allende brauchen wir rund zwei Stunden.

Während die Stadt Dolores Hidalgo (Schrei von Dolores) die Wiege der Unabhängigkeit genannt wird, gilt San Miguel de Allende als die Schmiede der Unabhängigkeit.

Die berühmtesten Söhne der Stadt sind allesamt Nationalhelden – Allende, Aldama und Pipila.

Die Stadt wurde 1542 von einem Franziskaner-Mönch als San Miguel el Grande gegründet und 1826 zu Ehren von Ignacio Allende in San Miguel de Allende umbenannt.

Die strategische Lage auf dem Silberweg, der von den Minen in Zacatecas und Guanajuato nach Mexiko Stadt führte, förderte einen raschen Aufschwung.

Heutzutage sorgt die renommierte Kunstakademie für bekannte Künstler und junge Studierende aus aller Welt, die sich in der Pueblo Mágico (Magischer Ort) zusammenfinden.

Seit 1926 steht die Innenstadt unter Denkmalschutz und die ummauerte Stadt wurde 2008 zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt.

Viele junge Leute besuchen San Miguel wegen der international bekannten Sprachschulen und kunstinteressierte Langzeitbesucher, vorzugsweise aus Kanada und USA, belegen während der angenehmen Wintermonate die zahlreichen künstlerischen und handwerklichen Kurse.

Um sich der interessanten Lebensart und besonderen Atmosphäre dieser Stadt zu nähern, bedarf es etwas Zeit.

San Miguel verfügt über unzählige schöne Kirchen (Iglesia de San Francisco, Oratorio de San Felipe Neri, Iglesia de Nuestra Señora de la Salud, Iglesia de la Concepción), wobei das mit Abstand prominenteste Gotteshaus die aus rosarotem Stein erschaffene Parroquia de San Miguel im Stadtzentrum ist.

Wir »wohnen« auf dem erst drei Jahre alten, stadtnahen Weber RV Park, dessen etwa 12 Stellplätze im Winter hauptsächlich durch Stammgäste aus Kanada und USA belegt sind.

Der Gründer der Familie Weber, der deutsche Wurzeln hatte, kam 1963 aus USA nach San Miguel und erhielt bald eine Anstellung als Kunstlehrer am Instituto Allende. Das Gelände der Hacienda, auf der der RV Park angelegt ist, wurde 1968 erworben.

Zusammen mit der Mutter kümmern sich heute die Söhne Walter und Hans um die Appartements, den RV Park und die Tennisplätze. Ein richtiger Familienbetrieb!

Freundlich werden wir aufgenommen, viele anregende Gespräche ergeben sich mit den Besitzern und unseren Camping-Nachbarn.

Wir erhalten nützliche Informationen über die zahlreichen Angebote und Veranstaltungen der Stadt. Die Tage vergehen wie im Flug!

Der Besuch des großen Wochenmarkts (dienstags gegenüber Soriana) ist ein Erlebnis für sich.

Unter einem riesigen Sonnendach, das aus abgespannten Abdeckplanen zusammengestückelt ist, verkaufen die Händler allerlei Waren, ob gebraucht oder neu.

Wir haben manchmal den Eindruck, auf einem Flohmarkt zu sein.

Unsere »Mitbewohner« Anne & Jerry, die wir zufällig dort treffen, erzählen von der Polizei-Razzia am Vormittag, die bei mehreren Händlern stattgefunden hat und deren Stände wegen dem Handel mit Raubkopien (Filme, Musik) geschlossen wurden.

Im dem etwas »nobleren« Mercado de Artesanias interessieren wir uns für zwei handgeknüpfte Teppiche aus der weiter südlich gelegenen Stadt Oaxaca.

Wir handeln wie damals in den Suqs von Marrakesch, denn überhöhte Touristenpreise möchten wir auch hier in Mexiko nicht bezahlen.

Die Verkäuferin wird zum Schluss schon leicht reserviert, lässt sich schließlich aber auf den von uns genannten Preis ein.

Im Teppichgeschäft lernen wir ein nettes Paar aus USA kennen, das hier Urlaub macht und einen großen Teppich für sein Haus kauft.

Am nächsten Tag treffen wir die beiden im Jardín Botánico wieder.

Der Jardín Botánico ist auf einem weiterläufigen Gelände mit See und natürlichem Canyon angelegt und dient hauptsächlich dem Schutz von regionalen und lokalen Pflanzenarten.

Für den interessierten Besucher ist der Jardín Botánico täglich von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang geöffnet.

Hier kann man in die sehenswerte Welt von hunderten Kakteenarten und Sukkulenten eintauchen. Ein Streifzug, der sich lohnt!

Es ist Ostern und die christliche Prozession am Karfreitag ist nicht nur Höhepunkt der Osterfeierlichkeiten, sondern des gesamten kirchlichen Jahres.

Mit Ausnahme der römischen Legionäre tragen alle erwachsenen Prozessionsteilnehmer schwarze Kleidung.

Die Männer schwarze Anzüge, weiße Handschuhe und violette Schärpen, die Frauen weiße Handschuhe und schwarze Schleier.

Verschiedene Heiligenfiguren und der Sarg mit dem Leichnam von Jesus Christus werden auf dem langen Prozessionsweg von Frauen und Männern getragen.

Kleine Mädchen in weißen Kleidern mit violetten Schärpen streuen Rosenblätter, die sie in Körben tragen.

Die römischen Centurionen wirken durch die beeindruckenden Rüstungen sehr authentisch.

Als wir nach drei Stunden wieder zu Hause sind, steht ein roter Truck mit deutschem Kennzeichen auf dem Platz.

Maria und Carsten, die mit ihrem Mercedes in Südamerika gestartet sind, bleiben ein paar Tage hier.

So haben wir genügend Zeit uns auszutauschen.

Wir geben Tipps für USA und Kanada weiter und freuen uns über viele Informationen von Mittel- und Südamerika.

Samstags gibt es ein Abschiedsfest, da drei Nachbarn in ein paar Tagen die Heimreise in den Norden antreten.

Beim Fest lernen wir Martin aus Deutschland kennen, der seit einigen Jahren in Kanada lebt, mit seiner Firma Martinus Studio Schmuck herstellt und im herrlichen British Columbia auch Kurse zur Schmuckherstellung gibt.

Wie es der Zufall will, belegt Bärbel beim Instituto Allende gerade einen Schmuckkurs und so gibt ihr Martin viele professionelle Tipps zur richtigen Verarbeitung.

Eines Nachmittags ist dann auch das »heilige« Bordwerkzeug nicht mehr sicher und unter der Regie von Martin wird unser Campingtisch zur Schmuckwerkstatt, mit Schraubstock, Schlüsselfeilen, Zangen, Säge und Schmirgelpapier.

Bilder vom Schmuck sind in der Fotogalerie Bärbels Schmuck zu sehen.

Bilder

„Ein Mann muß immer streben,
unabhängig in sich dazustehen.“
(Wilhelm von Humboldt, 1767-1835)